Vom Ende der 90er, Anfang 2000er. In einer Zeit des Sonnenbank Flavours, Techno, Tribal, Arschgeweih. Von wasserstoffblondem Haar, großen Brüsten und blitzenden Tangas auf Damenhüften die sich an die Motorhaube von einem Dennis oder Kevin lehnen; hin zu dem Jahre 2018. Es ist die Zeit des bärtigen Möchtegern-Holzfällers, der (warum auch immer nicht vor Schweiß triefend…!??!) im überfüllten Club seinen ordentlichen Wollpulli-Look präsentiert und dieses Mal bei der Damenwelt Aufsehen erregt. Nach außen ein solider Auftritt, ganz im Sinne der heutigen konventionellen Gesellschaft. Doch erahnen lässt sich seine Unbändigkeit, sein heimlicher, stiller und doch lauter Ausbruch an den Farbtupfern, die an seinem Handgelenk herausblitzen.

Ich gebe zu, eine etwas überspitzte Darstellung, aber dennoch, es erinnert an die Geheimagenten unserer Generation. An Menschen, die sich vermeidlich im Übermaße anpassen, um dann mit großer Überraschung komplett aus dem Rahmen zu fallen. Mittelfinger, YOLO! Ganz im Sinne: „Generation- Kontrolle-Oberflächlichkeit und Regeln, ihr könnt uns mal“.

Kunst ist und bleibt stets politisch, das lässt sich nicht verleugnen. Unvermeidlich verrät sie etwas über uns und unsere Geschichte, zu unserer Zeit. Wir erinnern uns an die Revolution der 70er; auch hier waren es Schreie nach Freiheit, die gehört werden wollten. Sehnsüchte, so wie heute, nach einer Freiheit, in einer Welt, die heute noch enger, kontrollierter und manipulierter ist als lange zuvor.

Schon längst geht es bei Tätowierungen nicht mehr nur um willkürlich ausgewählten „Modeschmuck“ oder um eine bloße Erinnerung an vergangene Zeiten, sondern mehr um eine Suche nach sich selber, nach Verbindungen zu etwas Höherem und Geschichten die immer und immer wieder gefühlt werden wollen und die wir uns morgen erträumen.

In den dunklen Ecken meiner Stadt versammeln sich nach langen Tanznächten Menschen mit Glitzer im Gesicht und tätowieren sich gegenseitig Herzen auf den Arm. Im Jetzt dreht sich alles um die Liebe und darum, dass das Ecstasy, das die Illusion einer heilen Welt aufrechterhält, niemals in seiner Wirkung nachlässt. Es sind Erinnerungen an eine Welt, in der wir beschlossen haben im „Jetzt“ zu leben, im „Jetzt“ zu lieben, auch wenn das „Jetzt“ eigentlich scheiße ist: „Wir streuen Glitzer drauf!“.

Lieben, ohne Regeln, in einer Welt in der alles geregelt ist.

Unsere Körper erzählen Geschichten von unseren Familien, Kindern, Verstorbenen und Träumen. Vom Krieger und Sucher sein, irgendwie auf der Suche nach Beständiger

Geborgenheit und irgendwie doch nach der vollkommenen Freiheit. Wie bereits im Wunderland von Alice, hunderte von Türen und doch passen wir nicht wirklich hindurch. Gefangen und doch Vogelfrei.

Was uns bleibt ist das „Jetzt“. Der Moment, in dem wir unsere Geschichten auf unseren Körpern verewigen um niemals zu vergessen, dass es genau darum ging, um das „Jetzt“.

Redaktion: Marie-C. Prackwieser

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